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Eine Dystopie, die noch näher an der aktuellen Realität ist als ein George-Orwell-Roman.

Irgendwann in näherer Zukunft: Eine erneute Nationalisierung der deutschen Politik bricht sich Bahn. Davon scheinen Flüchtlinge, Asylanten, Juden und die bereits seit Jahrzehnten hier lebenden Menschen aus muslimischen Herkunftsländern betroffen zu sein. Journalistin Sarah Schönberger, von jüdischer Abstammung, "Ende zwanzig, dunkelhaarig, südeuropäischer Hauttyp, extrovertiert", beschließt, undercover im Sozialquartiert Ruhrstadt West diesen Dingen auf die Spur zu gehen und die Ausmaße der Migranten-Feindlichkeit im Lande zu untersuchen. Gleich am ihrem ersten Tag muss sie erkennen, dass diese Mission ein mehr als schwieriges Unterfangen werden wird, nicht nur für die Nerven, sondern eher für ihr Herz. Sie gerät in die Schusslinie neofaschistischer und islamistischer Terrorgruppen und verliebt sich in den Untergrundaktivisten Hans. Ein Drohnenangriff auf das Festzelt der Maifeier fordert hunderte Tote und Verletzte. Zu Unrecht werden Muslime und Flüchtlinge beschuldigt. Pogrome und Anschläge zielen auf eine beschleunigte Ratifizierung der Gesetzesvorlage zur Abschiebung aller Muslime, Flüchtlinge und EU-Migranten. Deutschland droht, in Anarchie zu verfallen. Was so manchen gerade gelegen kommt. Sarah hingegen will für Gerechtigkeit kämpfen; obwohl das nicht nur sie, sondern auch ihre Familie in tödliche Gefahr bringt. Sie und die Bewegung Bürgerdemokratie verteidigen die Gegenbeweise mit Waffengewalt gegen paramilitärische Einheiten, die durch V-Leute der bereits unterwanderten Landesregierung geführt werden. Um das Schlimmste zu verhindern, wagt Sarah riskante Wege zwischen Legalität und Kriminalität. Dabei will Sarah eigentlich etwas ganz Anderes: Schutz, Vertrauen, Vergeltung, Rache, Solidarität und Liebe. Der Wunsch nach Befreiung aus der Hilf- und Würdelosigkeit lässt sie Bündnisse schmieden und tiefe emotionale Verbundenheit neu erfahren. Am Ende dieses "Krieges" ist nichts mehr wie es einmal war. Und auch Sarah muss ihr Leben neu definieren. Doch in einem Sieg oder in einer Niederlage birgt sich immer auch eine Chance auf etwas Besseres. Aber auch für Sarah, Hans und ihre Freunde und Familien?

Literatur, die so gut ist, dass es einen glatt vom Hocker haut - kaum "Jüdische Hochzeit" aus Karl Peter Schwarz' Feder aufgeschlagen, ist man von der Story, von der Hauptprotagonistin Sarah und überhaupt äußerst begeistert. Auch wenn das Setting eher in eine Dystopie anzusiedeln ist. Was die Lektüre so besonders, fast schon einzigartig macht: diese ständige Abwechslung aus Spannung und Emotionen, vermischt mit literarischen Anspielungen diverser Großmeister, philosophischen Gedanken und ganz viel Authentizität. Immer wieder gibt es "Szenen", die zum Kopfnicken veranlassen und klar machen, dass die gesellschaftliche Spaltung, die Schere zwischen Arm und Reich so manches Leben zerstört. Das ist beängstigend und lässt einen nach dem letzten Satz so schnell nicht mehr zum Schlafen kommen. Ähnliches findet man eher selten im Bücherregal!

In "Jüdische Hochzeit" zeichnet Autor Karl Peter Schwarz ein düsteres Zukunftsszenario, das viel näher an der heutigen Realität ist, als uns lieb sein kann. Und eben das macht die Lektüre so erschreckend, schockt den Leser regelrecht. Hier hat man Gänsehaut ab der ersten Seite. Auch weil der deutsche Schriftsteller ein Ausnahme-Erzähler ist. Was er schreibt, macht ganz atem-, außerdem sprachlos. Sein Können zeigt sich in dem vorliegenden Buch absolut genial. Will man etwas weit abseits des Mainstreams lesen, sollte man definitiv zu diesem greifen.

Anja Rosenthal 27.09.2021

 

Quelle: www.literaturmarkt.info